Elemente des Sprache-Lernens

Eine neue Sprache braucht Zeit und Engagement

Lassen Sie sich nichts vormachen: eine Sprache zu lernen ist eine ziemliche Arbeit. Wenn es überhaupt geht, planen Sie, sich damit kontinuierlich über einen längeren Zeitraum (Jahre) zu beschäftigen. Es ist wie bei allen anderen guten Vorsätzen, wie Abnehmen, mehr Bewegung machen, usw.: wenn Sie es halt irgendwie neben allem anderen reinpacken, wird es eher zum Stressfaktor. Wenn Sie hingegen einen Weg finden, es in Ihre Routine einzubauen, dann kann es sogar als Stressausgleich funktionieren. Dinge die zum unnötigen Frust führen:

  • wegen Überlastung unregelmässig zum Unterricht kommen
  • müde zum Unterricht kommen
  • Hausaufgaben nicht schaffen …

Unnötig deswegen, weil Sie wohl möglich prinzipiell kein Problem mit der Sprache haben.

Da muss einfach ein anderer zeitlicher Rhythmus gefunden werden, indem Sie zum Beispiel

  • im Job zurückschalten
  • in stressigen Phasen sich eher passiv der Sprache aussetzen (Filme schauen, Hörbücher im iPod hören)
  • eventuell da und dort eine Woche frei nehmen, vom Stress abschalten und halbtags zum Unterricht gehen bzw. lernen.

Sprache ist Struktur

Sprache hat nun einmal komplexe grammatikalische und syntaktische Strukturen; diese müssen wir richtig bedienen; die Frage ist also nicht ob wir Regeln lernen müssen, sondern wie wir es tun. Es ist wie beim Fußball: dort kann ich auch eine Regel in ihrer schriftlichen, abstrakten Formulierung lernen; ich kann mich vom Coach anleiten lassen, was in bestimmten Situationen zu tun und zu lassen ist, oder ich kann es schliesslich auch meinen MitspielerInnen, etwa am Schulhof, überlassen, es mir auf ihre Art beizubringen. Die alte Methode des Sprachunterrichts wird, abwertend, “Grammar & Translation” genannt. Sicher macht es nicht viel Spaß, grammatische Tabellen zu studieren. Und es ist auch mühsam, sich Zeile für Zeile, mit Wörterbuch zur Hand, durch ein Buch durchzukämpfen, das man eigentlich nicht lesen kann. Und man kann das alles jahrelang tun, ohne am Ende mündlich in dieser Sprache kommunizieren zu können. Nur: der Umkehrschluss mancher Propheten des “spielerischen Lernens”, dass es immer vom Bösen ist, eine Regel anders als durch mündliche Übungen zu lernen, stimmt auch nicht.

Wenn ich an meine erste Zeit in Deutschland zurückdenke, war ich fast wie ein Modellschüler einer der modernen Lernmethoden unterwegs; Deutsch sprechen habe ich im alltäglichen Umgang mit KollegInnen, in Geschäften usw. gelernt. Aber das war nicht ohne Hintergrund: schließlich hatte ich von den (über 10 Jahre zurückliegenden) Schultagen noch ein ziemlich gutes Konzept der deutschen Grammatik im Kopf.

Sprache ist Improvisation

Jeder Satz, den wir sagen oder schreiben, ist eine Kombination aus dem Regelmässigen, dem Wiederkehrenden, und dem Einmaligen. Gewissermassen zitieren wir aus der Masse an Sprache, die wir bisher gehört und gelesen haben, und spannen sie für den momentanen Zweck ein. Dieser Improvisationscharakter ist uns meistens nicht bewusst, weil wir in unserer Muttersprache ja sehr viel Übung haben – vergleichbar mit einer Musikerin, die seit Jahren täglich stundenlang probt. Mit einer neuen Sprache gibt’s keine Abkürzung – da müssen wir auch eine gewisse Masse an Übung absolvieren. Und wir machen viele Fehler. Das ist relativ peinlich, daraus ergibt sich eine erhebliche Hemmschwelle. Darum ist es gut, im möglichst entspannten Zustand zum Unterricht zu gehen. Dann gelingt’s, auf die dort gebotenen Stimuli locker und spontan zu antworten. Wenn Sie müde uns angespannt von der Arbeit kommen, ist es fast besser, Sie gehen eine Runde laufen, oder ein Bier trinken. Und auch für Nachteulen kann es besser sein, die Sprachstunde am Vormittag anzusetzen.

Sprache ist Kommunizieren–Wollen

Sprache lernen wir nicht im Vakuum, sondern im Erleben von Dingen, die uns zum Sprachen anregen. Objekte, die wir in der Hand halten können; Illustrationen, die ganz bestimmte Handlungen oder Emotionen zeigen; Themen, die uns lebhaft interessieren, und letztendlich Menschen, denen wir etwas erzählen wollen bzw. von denen wir etwas herausfinden wollen – alle diese Dinge sollten Teil des Sprachen–lernens sein. Optimal strukturierter Unterricht konfrontiert uns mit vielen gut ausgedachten Stimuli, die in uns ein natürliches Bedürfnis auslösen, uns mitzuteilen.

Sprache kann man auch passiv erleben

Ein interessantes Phänomen hier in Graz sind Leute aus dem Süden, z.B. Slowenien, die gut Englisch können, obwohl sie nie viel in englischsprachigen Ländern unterwegs waren. Ein Grund dafür ist dass dort die Fernsehsendungen nicht synchronisiert werden. So hören sie viel Englisch, ob sie sich gerade aktiv damit beschäftigen oder nicht. Es ist gut, wenn Sie möglichst viele Filme mit Untertiteln sehen. Gehen Sie ins Rechbauer oder Royal (Conrad–von–Hötzendorfstrasse) oder zum Augartenkino. Machen Sie sich dabei keine Sorgen darum, ob Sie wirklich die Sprache nur vom Hören verstehen oder eher die Untertiteln lesen. Sie können auch Hörbücher fürs Auto oder für den iPod organisieren. Besonders in Zeiten, wo Sie weder Zeit noch Kraft zum Lernen haben, ist das eine gute Art, die Kontinuität ihres Erlebens der Sprache aufrecht zu erhalten.

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