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    Die kommunikative Funktion einer Übersetzung  Selten gestellte Fragen
(Übersetzungsqualität)
 
fragen-und-antworten-symbole   (Verwendungszweck I)

Was wollen Sie mit Ihrem Text bei Ihren LeserInnen erreichen?

In der Checkliste für Übersetzungsaufträge habe ich vorgeschlagen, wie Sie mit einigen Fragen den Verwendungszweck definieren können. Hier erkläre ich anhand von Beispielen, wie ich das meine – und was die Antworten an Folgen für die Übersetzungsarbeit haben.

Beispiel 1
 • Wie würden Sie den Inhalt bezeichnen?
interne Produktions–Dokumentation
 • Wer soll den Text lesen?
Beamte
 • Für welche Organisation arbeiten die LeserInnen?
eine Zulassungsbehörde
 • In welcher Relation steht diese Organisation zu Ihnen?
staatliche Aufsicht
 • In welchem Land / welchen Ländern?
Japan
 • Ist Englisch ihre Muttersprache?
nein
 • Was soll der Text bei den LeserInnen bewirken?
 • Was sollen sie tun, wenn sie den Text lesen?
Den Vertrieb des Produktes in ihrem Land genehmigen.
 • Was sollen sie empfinden, wenn sie den Text lesen?
Dass die Antrag stellende Firma sich um die Erfüllung der Richtlinien und um gut funktionierende Qualitätssysteme bemüht; Dass die Firma eine interne Kultur hat, die für die Aufdeckung und Korrektur von Fehlern förderlich ist.
 • In welcher Hinsicht werden sie den Text kritisch prüfen?
Auf Konformität mit den Richtlinien;
(stichprobenartig) auf Richtigkeit der Übersetzung.

Schlussfolgerung:
Die Behörde will anhand der Übersetzung prüfen, ob Ihre Arbeitsabläufe den Qualitätsrichtlinien entsprechen. Klarerweise muss diese Übersetzung die Logik und Ausdrucksweise des Ausgangstextes möglichst genau reproduzieren. Alle wichtigen Begriffe müssen jeweils einheitlich mit einem einzigen entsprechenden Wort in der Zielsprache übersetzt werden. Abweichungen von wörtlicher Übersetzung werden nur gewählt, wenn sie notwendig sind. Sätze sollten nur dann aufgeteilt oder zusammengefügt werden, wenn dies syntaktisch unvermeidbar wird. Sollten Ergänzungen nötig werden, müssen diese als Anmerkungen des Übersetzers klar gekennzeichnet sein. Evtl. müssen handschriftliche Vermerke, Stempel, Unterschriften usw. in erkennbarer Form wiedergegeben werden. Aus Gründen der Konsistenz und der Schnelligkeit ist die Verwendung einer Translation–Memory–Software angebracht. Formatierung und Seiteneinteilung des Originals sollten so reproduziert werden, das beide Versionen abgeglichen werden können. Und vor allem sollte die Übersetzung in keinem Sinne "besser" sein als der Ausgangstext: wenn zum Beispiel ein Teil des Ausgangstextes nicht sehr schön geschrieben ist, muss die Übersetzung darauf basieren, was aus dieser Passage herauslesbar ist – und nicht auf zusätzliche Erklärungen vom Autor darüber, was "eigentlich" gemeint ist.

Beispiel 2
 • Wie würden Sie den Inhalt bezeichnen?
Bedienungsanleitung für ein Instrument
 • Wer soll den Text lesen?
Laborpersonal
 • Für welche Organisation arbeiten die LeserInnen?
ein Krankenhaus
 • In welcher Relation steht diese Organisation zu Ihnen?
Kunde
 • In welchem Land / welchen Ländern?
USA
 • Ist Englisch ihre Muttersprache?
ja
Was soll der Text bei den LeserInnen bewirken?
 • Was sollen sie tun, wenn sie den Text lesen?
Das Instrument ohne Probleme kennen lernen, richtig bedienen, gute Messungen damit durchführen, nicht kaputt machen, richtig warten, die richtigen Ersatzteile bestellen, entscheiden können, ob sie ein Fehler selbst lösen/reparieren können oder den bzw. die Service–TechnikerIn rufen sollen.

Was sollen sie empfinden, wenn sie den Text lesen?
   Dass alles ganz gut verständlich ist; dass die Bedienung des Instruments ganz logisch organisiert ist; dass sie keine Anweisungen missverstehen.
In welcher Hinsicht werden sie den Text kritisch prüfen?
   Ob sie alle Informationen finden, die sie brauchen; ob alle Teile und Vorgänge eindeutig und konsistent bezeichnet werden; ob der Text zu den Diagrammen passt; ob die natürlichste Interpretation des Textes sie immer anleitet, jeden Handgriff richtig durchzuführen.

Schlussfolgerung:
Der Test, den der Zieltext bestehen muss, ist ein praktischer: leitet er die LeserInnen möglichst genau dazu an, die Arbeitschritte genau so zu machen, wie sie sollten? Dazu sollte die Übersetzung sich auf Englisch natürlich und unmissverständlich lesen. Stärkere Umformulierungen sind zulässig, wenn sie dieser Klarheit dienen. Die Übersetzerin oder der Übersetzer sollte möglichst das Instrument selbst kennen lernen, oder wird zumindest da und dort nachfragen, ob sie oder er bestimmte Schritte richtig verstanden hat (also Information von außerhalb des Textes einholen). Wenn die englischsprachige Version als Ausgangsbasis für weitere Übersetzungen in mehrere andere Sprachen dienen wird (was häufig der Fall ist) dann sollte sie sehr wohl besonders optimiert werden: ein weiterer Aspekt des Verwendungszwecks. Möglicherweise entstehen auch Vorschläge für Anpassungen der deutschen Version; das Übersetzen ist ja eine Art Belastungsprobe für die Verständlichkeit eines Texts und man kann davon profitieren. (Möglicherweise ist der Übersetzer eine der ersten Personen, die den Text liest aber das Gerät nicht mitentwickelt hat, also wirklich anhand des Texts die Handhabung lernt: das ist dem Erlebnis der EndnutzerInnen nicht so unähnlich).

Beispiel 3
 • Wie würden Sie den Inhalt bezeichnen?
Imagebroschüre
 • Wer soll den Text lesen?
TechnikerInnen
 • Für welche Organisation arbeiten die LeserInnen?
Kunden (bestehende und potenzielle)
 • In welcher Relation steht diese Organisation zu Ihnen?
staatliche Aufsicht
 • In welchem Land / welchen Ländern?
ganz Europa
 • Ist Englisch ihre Muttersprache?
mehrheitlich nicht
 • Was soll der Text bei den LeserInnen bewirken?
 • Was sollen sie tun, wenn sie den Text lesen?
Broschüre weiterrechen (weitererzählen), Website besuchen, Anfragen schicken, Produktvorteile wahrnehmen, Produkte bestellen, Marke im Gedächtnis behalten
 • Was sollen sie empfinden, wenn sie den Text lesen?
Sie sollen das Gefühl haben, dass Ihre Firma sich für ihre Bedürfnisse und Anforderungen interessiert, technisch und wirtschaftlich solide arbeitet, ehrlich kommuniziert und eine sympathische Firmenkultur zum Ausdruck bringt.

 • In welcher Hinsicht werden sie den Text kritisch prüfen?
Plausibilität der Behauptungen über ihre Produkte und ihrer Vorteile.

Schlussfolgerung:
Der Image–Text erwähnt den ehrenwerten Gründer, fasst die Geschichte ein wenig zusammen und lässt Schlüsselbegriffe aus dem aktuellen Leitbild einfliessen. Satz für Satz schichten sich Superlative aufeinander, die Verwurzelung in der technischen Tradition klingt ebenso durch wie die fortschrittliche Managementphilosophie. Bei Firmen im deutschsprachigen Raum ist diese Darstellung oft sehr kulturspezifisch – was ja auch richtig ist: wenn es darum geht, die Sympathien der KundInnen zu gewinnen, sollte man alles ausnutzen, was an gemeinsamen Werten vorausgesetzt werden kann. Die Umwandlung, die hier notwendig ist, begreife ich eher instinktiv und ich weiss nicht ob ich sie gut ausformulieren kann. Aber wenn ich einen Versuch unternehmen soll, dann würde ich sagen, dass im Deutschen Elemente wie "Imponieren, Beeindrücken, Aufeinanderschichten" verwendet werden und gut ankommen. Im Englischen zählen eher Merkmale wie "Argumentieren, Erzählen, Erklären, und das eher linear – ohne wahrnehmbare Wiederholungen" und "Vermeidung der Angeberei". Das heisst, Image–Texte müssen relativ gründlich überarbeitet und adaptiert werden, um die gleichen Werte und Inhalte zu transportieren, wie es die deutsche Version für die deutschsprachige Leserschaft tut. Wenn das gut werden soll, dann braucht es etwas mehr Input als nur den nackten Ausgangstext. Der bzw. die ÜbersetzerIn sollte die Firma kennenlernen, und die Gelegenheit haben, in etwas längeren Gesprächen die konkreten Produktvorteile sowie die ideellen und imagemässigen Schwerpunkte kennen zu lernen, mit denen die Firma sich von der Konkurrenz abhebt. Es sollte auch ein wenig Zeit zum Ausreifen haben. Leider werden solche Übersetzungen zu oft im letzten Augenblick in Auftrag gegeben – ein eindeutiger Fehler!

Beispiel 4
 • Wie würden Sie den Inhalt bezeichnen?
Anzeige
 • Wer soll den Text lesen?
LeserInnen einer Industriefachzeitschrift
 • Für welche Organisation arbeiten die LeserInnen?
Firmen
 • In welcher Relation steht diese Organisation zu Ihnen?
Kunden (bestehende und potenzielle)
 • In welchem Land / welchen Ländern?
weltweit
 • Ist Englisch ihre Muttersprache?
meist nicht
 • Was soll der Text bei den LeserInnen bewirken?
 • Was sollen sie tun, wenn sie den Text lesen?
Website besuchen, Infos anfordern, sich die Marke merken
 • Was sollen sie empfinden, wenn sie den Text lesen?
Zunächst muss ihre Aufmerksamkeit gewonnen werden, dann sollen sie die Anzeige als attraktiv empfinden, dann sollen sie sich ein Faktum oder einen Wert oder beides merken und mitnehmen.
 • In welcher Hinsicht werden sie den Text kritisch prüfen?
Auf Konformität mit den Richtlinien;
Offensichtliche Fehler würden sehr negativ auffallen.

Schlussfolgerung:
Die Überschrift auf Deutsch basiert auf einem Wortwitz; der Text greift diesen auf und leitet so zu den Vorzügen Ihrer Produkte über; das Ganze harmoniert mit dem Bild und passt in genau definierte Teile vom Layout. Von dieser Komposition werden wahrscheinlich nur besagte Vorteile Ihrer Produkte sich in der Übersetzung wiederfinden. Ein neuer Slogan und ein neuer Text müssen her: wahrscheinlich ganz andere Wörter, die aber auf äquivalente Weise die Werte Ihrer Firma transportieren. Ganz wichtig ist es zu wissen, ob die LeserInnen Englisch als Muttersprache haben – dann kann die Überschrift einen viel anspruchsvolleren Witz enthalten. Wenn nicht, muss ein Spruch entwickelt werden, dass überall verständlich ist aber doch nicht ganz flach und geistlos wirkt. Eventuell müssen mehrere Varianten vorgeschlagen und besprochen werden. Hier haben wir es eindeutig mit einer kreativen Leistung zu tun.

gelber Bulletpunkt   Zum Abschluss: wenn Sie bis hierher gelesen haben, haben Sie hoffentlich gesehen, dass Übersetzen nicht gleich Übersetzen ist. Es kommt immer drauf an – worauf, dafür sollten Sie sich als Kunde auch interessieren.



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